Auf einen echten Veteranen trifft man, wenn man sich der Altstadt von Telgte aus Richtung Münster nähert. Als dem Ort im Jahre 1238 das Stadtrecht verliehen wurde, pflanzte man zur "ewigen" Erinnerung an diesen denkwürdigen Tag drei Linden - eine vor jedes Stadttor. Die erste fiel einem Sturm zum Opfer, die zweite dem Verkehr. Nur die dritte vor dem Münstertor grünt noch heute: die Marienlinde. In den bald 800 Jahren, die sie da steht, hat sie einiges mitgemacht. So konnte man früher den hohlen Stamm, in dem bis zu achtzehn Menschen Platz fanden, durch eine große heute zugemauerte Öffnung betreten. Das hatte zur Folge, dass arme Pilger hier schon mal ihr Nachtquartier aufschlugen und im Inneren der Linde ein Feuerchen entfachten. Auch ein anderer Brauch der Besucher der Wallfahrtsstadt Telgte hat der Linde ganz schön zugesetzt. Da nach uralter Sage das Telgter Gnadenbild aus diesem Baum hervorgegangen sein soll, nahmen sich die Wallfahrer gerne ein Lindenblatt, das als Träger heiliger Kräfte galt, mit nach Hause. Rund 200.000 Blätter verlor die Marienlinde damals pro Jahr auf diese Weise. Außerdem machte der Straßenbau dem Baum zu schaffen: Ein Teil des Stammes wurde bei Erdaufschüttungen kurzerhand zugedeckt, so dass er heute unverhältnismäßig kurz wirkt. Trotz alledem präsentiert sich die Marienlinde heute als ein starker alter Baum, der sich - von Baumspezialisten saniert - im Vergleich zu früheren Jahrhunderten sogar erholt und sicher noch einige Jahrhunderte vor sich hat.
